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Der Schinderhannes ist eine richtige Räubergeschichte. Aber wie ist sie ans Licht gekommen? Das erzählt eine kurze Rahmenhandlung - die im Zuge der Lekoratsarbeiten auf der Strecke geblieben ist.
Wenn Sie möchten, können Sie hier den ursprünglichen Einstieg (und Ausstieg) in die Geschichte lesen. Der Prolog gehört vor die eigentliche Geschichte. Der Epilog wird an das Ende angefügt.
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Prolog:
Es war ein sonniger Nachmittag, wie Niklas Anhäuser ihn liebte. Den halben Tag über hatte er in der Kutsche gesessen – erst im Wagen, dann vorne beim Kutscher. Das Wetter war zu schön, um
es die ganze Fahrt im geschlossenen Abteil auszuhalten. Die vergangenen Monate hatte er immer nur die Stadt gesehen. Jetzt überwältigte ihn beinahe der Anblick der bunten Wiesen, an denen sie vorbei fuhren und der
tiefen, schattigen Wälder, durch die der Wagen rollte. Noch immer stand die Sonne hoch am Himmel. Es war warm. Doch der Fahrtwind auf dem Kutschbock kühlte angenehm. Das Dorf vor ihnen kam näher. Gleich hatten
sie die ersten Häuser erreicht. Sein Blick fiel auf einen mächtigen Kastanienbaum, der im Hof eines Bauerngehöftes blühte. Darunter scharrten einige Hühner in der schwarzen Erde. Ein Hahn pickte Körner im
Hintergrund. Das also war das Dorf, in dem die alte Frau lebte. Dreimal hatte er ihr geschrieben – und keine Antwort erhalten. Jetzt saß er auf dem Kutschbock. Er musste unbedingt mit ihr sprechen.
Die Kutsche erhielt einige harte Schläge und ächzte in den Federn. Der Aufbau schwankte einen Augenblick. Sie fuhren jetzt auf Kopfsteinpflaster, mit dem die Wege im Dorf befestigt waren. Einige
Kinder spielten am Straßenrand. Der Kutscher hielt an, sprang vom Kutschbock, um die Mädchen und Jungen nach dem Weg zu fragen. „Juliana Bläsius?“ Der Kinder sahen den Mann mit großen Augen ratlos an.
„Eine alte Frau. Sie lebt allein, ihr Mann ist im Winter gestorben.“ „Oma Julchen!“ Die Augen eines der Mädchen strahlten. „Die Oma wohnt dort drüben.“ Ihr Arm zeigte auf ein kleines Haus
auf der anderen Straßenseite. Auf dem Grundstück wuchsen mächtige Eichen. „Danke Kinder.“ Die Kutsche schaukelte leicht, als der Kutscher sich wieder auf seinen Platz schwang. Sie rollten weiter.
Anhäuser musterte das Haus, auf das sie langsam zurollten. Dort also wohnte Juliana Bläsius. Sie hatte Johannes Bückler, den Schinderhannes, gekannt. Und wie. Sie war nicht nur seine Geliebte
gewesen, sondern auch seine Räuberbraut. Dem Text der Gerichtsakten zufolge hatte sie viele seiner Taten miterlebt. Anhäuser schauderte leicht. Der Gedanke faszinierte ihn. Wenn auch nur ein Teil von dem
stimmte, was er im Archiv des Gerichts und der Zeitung über den Fall des Schinderhannes gelesen hatte, musste das Leben dieses Mannes – und seiner Räuberbraut – einfach aufgeschrieben werden - die wahre
Geschichte, die Geschichte hinter den Aktennotizen und Prozessprotokollen. Er würde sie aus dem trockenen Staub der Akten hervorzerren und mit Leben füllen. Doch dazu musste Juliana Bläsius zunächst mit ihm
reden.
Die Kutsche hielt vor dem Haus. Anhäuser stieg herunter und stand einen Augenblick später vor der Tür. Hinter ihm polterte der Wagen davon. Der Kutscher würde in die gebuchte Pension fahren.
Anhäuser holte tief Luft, dann klopfte er an die Tür. Im Inneren des Hauses blieb alles still. Er wartete einen Moment. Dann klopfte er erneut. Er hörte leise Schritte. Die Tür öffnete sich. Eine
Frau stand vor ihm, in einem schlichten blauen Kleid, die lockigen grauen Haare in einem Zopf nach hinten gebunden. Ihre grünen Augen musterten ihn freundlich. „Mein Name ist Niklas Anhäuser. Ich komme
von der Mainzer Zeitung“, begann er zögernd zu sprechen. Die Freundlichkeit in ihrem Blick verschwand. Sie musterte ihn kritisch. „Ich würde gerne mit ihnen reden...“
„Sie haben mir geschrieben?“ Er nickte. „Ja, das war ich, mehrere Male.“ „Warum sollte ich mit Ihnen sprechen?“
„Weil...“, ihre Direktheit brachte ihn durcheinander. Sie sah ihn durchdringend an. „Ich würde gerne die Geschichte von Johannes Bückler aufschreiben. Und das kann ich nicht, solange ich nicht mit ihnen
geredet habe. Sie lebten an seiner Seite und kannten ihn gut.“ „Ich war seine Frau“, bekannte sie kurz angebunden. „Nach den Gerichtsakten war er nicht verheiratet“, wandte Anhäuser ein.
„Ja und? Was interessierte uns, was Kirche und Präfekten dazu sagen.“ Ihre Augen verengten sich leicht. „Gehen Sie. Ich werde nicht mit Ihnen über Johannes reden. Ich weiß nur zu gut, was die
Zeitungen mit der Wahrheit machen. Damals, als sie ihm den Kopf abschlugen, schrieben die Zeitungen auch über Johannes – über ihn, und das, war er getan haben soll. Man hat mir die Berichte im Gefängnis
vorgelesen. Nein“, sie schüttelte energisch den Kopf, „ich werde Ihnen gar nichts sagen. Deshalb habe ich nicht auf Ihre Briefe geantwortet. Diese Reise hätten Sie sich sparen können.“
„Ich habe Geld“, kündigte er eilig an. „Die Zeitung zahlt gut, wenn es sich für sie lohnt.“ Ihr Blick wurde eisig.
„Ich will ihr Geld nicht. Früher hätte ich es brauchen können. Jetzt ist es zu spät.“ „Und die Kinder?“ Er blickte kurz hinter sich. „Es sind ihre Enkel, habe ich recht? Ihre Blicke trafen
sich. FĂĽr einen kurzen Augenblick blitzte etwas in ihren Augen auf. Dann wandte sie den Blick ab. Er spĂĽrte, wie sie mit sich rang. Einen kurzen Augenblick nur noch - dann wĂĽrde sie sich entschieden haben.
Wofür auch immer: Es würde diese Entscheidung nicht mehr umstoßen können. Wenn er sie überzeugen wollte, musste er das jetzt tun.
„Becker veröffentlicht ein Buch über Johannes Bückler“, wählte er die Worte sorgfältig. Sie blickte ihn fragend an. „Ein Enkel von Nikolaus Becker, dem Richter. Er ist wie ich Redakteur -
allerdings bei der Neuen Deutschen Zeitung. FĂĽr seine Arbeit hat er den Bericht seines GroĂźvaters genommen, der gleich nach der Hinrichtung erschienen ist. Angeblich hat er noch viele weitere Unterlagen des alten
Richters gefunden. Das Buch soll im nächsten Jahr erscheinen.“ „Nikolaus Becker, der Richter.“ Sie wiederholte den Namen. Ihre Stimme klang bitter.
„Er hat nie die Wahrheit gekannt. Alles was er über Johannes sagte schrieb ist voller Lügen.“ „Die Menschen wollen wissen, was damals geschah. Sie werden das Buch lesen. Das Interesse ist groß. Die
Geschichte Schinderhannes wird bald zu einer Legende werden. Noch in 100 Jahren kennt sie jedes Kind. Aber es wird die Geschichte sein, wie Nikolaus Becker sie hinterlassen hat. Schinderhannes ist darin ein
Unhold.“ Er machte eine kurze Pause und sah sie eindringlich an. „Das können Sie ändern. Erzählen Sie mir, wie es wirklich war. Ich werde es schreiben – und nichts davon wird in Vergessenheit
geraten.“
Ihr Blick glitt an ihm vorbei. Sie sah in die Ferne, auf einen unbekannten Horizont, der weit hinter den Häusern am Rand des Dorfes liegen mochte. Vor ihren Augen schienen sich Bilder zu formen,
Bilder aus der Vergangenheit. Sie nickte leicht – und Anhäuser wusste, dass sie ihm vom Schinderhannes erzählen würde. „Ich könnte Ihnen vorlesen, was ich geschrieben habe. Erst wenn Sie
einverstanden sind, geht es in den Druck“, fügte er hinzu, um sie völlig zu überzeugen. „Einverstanden.“
Sie löste sich aus der Betrachtung und sah ihn an. Dann öffnete sie die Tür und trat beiseite. „Was wissen Sie über Johannes Bückler?“, eröffnete sie das Gespräch, als er am Tisch in der kleinen
Küche Platz genommen hatte. Sie schürte das Feuer des eisernen Herdes, auf dem ein Kessel mit Wasser stand. „Sicher haben Sie schon viel über ihn gelesen - die Artikel von damals, die Prozessakten.
Haben Sie sich schon ein Bild von ihm gemacht? Was glauben Sie: War er ein Held, ein Freiheitskämpfer gegen die Franzosen?“ Anhäuser zögerte. In der Tat neigte er in Richtung dieser Ansicht.
„Oder glauben sie, er war ein böser, haltloser Mensch, ein Strauchdieb und Wegelagerer?“ Mit einer entschlossenen Bewegung schlug sie die eiserne Klappe an der Vorderseite des Herdes, hinter der jetzt die
Flammen eines Feuer hoch loderten, zu und sah ihn an. Unsicher wich der Redakteur ein kleines Stück zurück. „Das ganz sicher nicht....“, stellte er fest. „Offen gestanden bin ich mir noch nicht
sicher. Wie könnte ich auch...“ Die alte Frau lächelte versonnen und setzte sich ihm gegenüber an den Tisch. „Er war ganz anders“, sagte sie leise. „Ganz anders als es die Zeitungen damals
schrieben, ganz anders als Sie es sich auch nur vorstellen können. Glauben Sie mir: Johannes Bückler war weder Freiheitskämpfer noch Wegelagerer. Er war auch nicht der edle Räuber, der den Reichen nahm und den
Armen gab. Nichts von alledem. Johannes Bückler war vor allem eines: ein Mensch - mit all seinen Sehnsüchten, Leidenschaften und Fehlern.“
Wieder schaute sie in die Ferne. Sie sah aus dem Fenster. Aber Anhäuser ahnte, dass es nicht die Bäume und Büsche am Ortsrand waren, die sie wahr nahm. Ihr Blick ruhte längst auf Bildern aus einer
ganz anderen Zeit. „Oh ja. Er war ein großer Mensch, ein Mann, wie ich nie wieder einen so geliebt habe. Die Geschichte des Schinderhannes, so wie Sie sie niederschreiben sollten, begann an einem
Vormittag im Herbst des Jahres 1795.
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Epilog:
„Bei Gott.“ Niklas Anhäuser sah die alte Frau an. „Was für ein Schrecken, diese Maschine vor sich zu sehen und diese Schritte zu machen.“ Er schüttelte leicht den Kopf und starrte auf
den Holztisch, an dem er seit Stunden saß und der alten Frau zuhörte. Sie nickte. Er hob den Kopf und sah erst jetzt, dass über ihre Wangen Tränen rollten. Er hatte ihr Weinen überhaupt nicht bemerkt. Sie
schluchzte nicht, machte kein Geräusch. Da waren nur Tränen, die über ihre Wangen liefen. Sie liebt ihn immer noch, ihren Johannes und konnte ihn nicht vergessen. Er schloss die Augen und schwieg. Dann sah er sie
wieder an. „Und der Sohn? Was ist aus ihrem Kind geworden?“ fragte er vorsichtig. „Sie nahmen ihn mir schon bald nach Johannes Tod“, sagte sie mit überraschend klarer Stimme. „Ich erfuhr nur,
dass sie Johann – so habe ich den Kleinen genannt – an einen Polizisten gegeben haben. Man nannte mir keinen Namen und keinen Ort. Ich hoffe es geht ihm gut.“
„Was ist mit Ihnen geschehen? Zerfass hatte sie verraten.“ „Das hatte er, oh ja“, stellte sie fest. Anhäuser sah, dass sie nicht mehr weinte. „Darauf haben Sie mich fest genommen, noch am Zaun der
Kaserne. Zerfass hat sicher seine Belohnung bekommen. Was aus ihm wurde weiß ich nicht. Mich haben sie in eine Zelle gesteckt – wo ich später Johann zur Welt brachte. Einige Wochen vor der Geburt besserte sich
meine Behandlung im Gefängnis plötzlich deutlich. Ich bekam mehr zu essen, die Zelle leerte sich, bis nur noch eine Frau blieb, mit der ich mich angefreundet hatte. Und ich durfte Johannes sehen. Einmal vor der
Geburt und dann noch einige Male danach.“
Ihr Blick glitt aus dem Fenster, über die Büsche und Bäume, die dort zu sehen waren. „Ihm habe ich es zu verdanken, dass ich noch lebe. Ihm habe ich die bessere Behandlung zu verdanken.“
Ihr Blick glitt wieder zu Anhäuser. Dieser sah sie fragend an. „Sie haben zwanzig Räubern den Kopf abgeschlagen“, stellte sie fest. „Ich wäre die einundzwanzigste gewesen, wenn Johannes es nicht
verhindert hätte. Richter Becker bot Johannes eine Übereinkunft an. Eine Zusammenarbeit, die nicht sein, dafür aber mein Leben retten sollte. Schon während der Vernehmungen machte Becker Johannes klar, dass er
und alle Mörder der Guillotine nicht entgehen würden. Für den Richter war auch ich eine Mörderin. Ich habe niemanden umgebracht. Um das zu beweisen, musste Johannes dem Richter alles erzählen. So wie es war.“
Sie sah Anhäuser aufmerksam an. Dieser nickte. Er wollte wissen, wie es weiter ging. Sie schüttelte leicht missbilligend den Kopf. „Sie haben nicht verstanden, oder?“
„Was verstanden?“ Anhäuser wusste nicht, was sie meinte. „Sie verstehen nicht, was das für Johannes bedeutete.“ Anhäuser nickte. Das wusste er wirklich nicht. Aber was konnte sie meinen?
„Einige Räuber waren noch draußen, in den Wäldern, in den Verstecken und in der Schmidtburg“, fuhr sie mit kalter Stimme fort. „Alles zu erzählen bedeutete auch, Verstecke und Orte zu verraten, die
zuvor vielleicht noch sicher waren. Johannes tat es, um mich zu retten. Und er tat es, weil er genau wusste, wer gemordet hatte. Und all diese Männer saßen bereits in Haft. Zusätzlich konnten die Gendarmen also
nur noch kleine Räuber fangen, Männer, die nur noch leichte Strafen zu erwarten hatten. Das jedenfalls dachte Johannes. Es kam anders. Das aber wusste Johannes nicht.
Betreten starrte Anhäuser auf die Tischplatte. „Ich weiß es jetzt“, sagte er leise. Und ich werde darüber schreiben.“ Ein bitteres Lächeln zog durch Julianas Züge. Sie sagte aber nichts. Einen
Moment blieb es still im Raum. Anhäuser wusste, dass er jetzt besser ging. Eine Frage aber hatte er noch. „Wie ist es Ihnen ergangen, nach Johannes Tod? Sie waren im Gefängnis. Das weiß ich. Aber was
geschah dann?“ Sie lächelte wieder. Diese Mal war es kein bitteres Lächeln. In diesem Moment wusste Anhäuser, dass die alte Frau auf ein erfülltes Leben zurückblicken konnte, ein Leben, in dem es wieder
Liebe und Freude für sie gegeben hatte, Kinder und Enkel, die größer wurden und die vielen kleinen Sorgen und Freuden des Alltags. „Ich war zwei Jahre im Gefängnis“, sagte sie leise. Als ich entlassen
wurde, heiratete ich wieder. Es war ein guter Mann. Aber er starb schon nach kurzer Zeit und die Ehe blieb kinderlos. Dann verliebte ich mich in meinen dritten Mann – hier in Weierbach. Und so heiratete ich einen
Polizeidiener. In dieser Ehe schenkte ich elf Kindern das Leben. Viele wohnen hier im Dorf oder in der Nähe und haben selbst schon wieder Kinder. Manche Enkel sind schon groß, andere noch kleiner. Vor fünf Jahren
ist mein dritter Mann gestorben – und für einen vierten ist es nun zu spät.“ Sie lächelte zufrieden. Anhäuser stand langsam auf. Er bedankte sich für die Geschichte, der er mehrere Tage gelauscht hatte,
und sie brachte ihn zur Tür. Er blieb einen Augenblick davor stehen, als sie die Tür schon hinter ihm geschlossen hatte. Es war Nachmittag und es war Spätsommer. Die Strahlen der Sonne wärmten sein Gesicht. Sein
Blick fiel auf die Eichen vor dem Haus, auf die grüne Wiese und den Zaun. Auf der Straße spielten einige Kinder. Vielleicht würden sie später einmal die Geschichte, die er niederschrieb, lesen. Ein Junge
stürmte lachend an ihm vorbei, als er auf die Straße trat. Auf dem Kopf einen grünen Hut mit einer weißen Feder. In diesem Augenblick musste Anhäuser lachen. Die Kinder hier brauchten seine Geschichte nicht zu
lesen. Sie kannten sie längst.
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